Es ist nichts geschehen
Es ist nichts geschehen
Es ist nichts geschehen
Die zwei Schwestern Bess und Sandy und ihre innig geliebte Großmutter sind die Protagonisten von „Es ist nichts geschehen“. Eine Fahrt mit dem Zug, Kaffee und Kuchen, bunte Briefkuverts: aus scheinbar Banalem entsteht das Mosaik einer Familiengeschichte voller dunkler Geheimnisse.
Um die idyllische Fassade zu wahren, haben die drei Frauen ein Dickicht des Schweigens aufgebaut, in dem jede von ihnen gefangen ist. Ängste, Albträume, sogar Sandys Selbstmordversuch und dessen Hintergründe werden vertuscht und totgeschwiegen. Wahr ist, was alle dafür halten wollen, und diese Wahrheit lautet: Es ist nichts geschehen. Alles andere wird nicht zugelassen. Erst spät kommt die schreckliche Wahrheit ans Licht.
Mit diesem Buch habe ich etwas Besonderes versucht: Alle drei Hauptfiguren haben eine eigene „Sprache“ für sich: Die Großmutter erzählt aus der Ich-Perspektive aus ihrer Vergangenheit. Für die beiden Schwestern habe ich die personale Erzählperspektive gewählt. Diese unterscheidet sich für Bess und Sandy noch einmal: Bess schreibt Briefe an ihre Schwester, die sie jedoch nicht absendet, und Sandys Gedanken habe ich durch Kursivschrift gekennzeichnet. Das klingt komplizierter, als es ist.
Natürlich hätte es auch die Möglichkeit gegeben, alles viel „einfacher“ zu schreiben, aber in diesem Buch geht es um das Schweigen und Verschweigen, also um all das, was nicht gesagt wird, und das musste ich für den Leser sichtbar machen. Durch die von mir gewählte Form hat das am besten funktioniert. Der gewünschte Effekt: Der Leser soll denken: „Warum sagst du das denn nicht laut?“ oder: „Warum schickst du den Brief nicht ab?“ Ich glaube, viele von uns tragen sehr viel Ungesagtes, sehr viele ungeschriebene Briefe in sich herum. Darüber wollte ich schreiben. Herausgekommen ist ein Text, den man am besten in einem Zug liest. Durch die Perspektivenwechsel ist er fast filmisch geworden, es wird „hin- und hergeschnitten“, aber ich glaube, man kommt ganz gut hinein.
Der untenstehende Textausschnitt zeigt ein bisschen, wie das funktioniert: Er beginnt mit einem Text aus Sandys Perspektive, dann folgt eine Szene mit Bess und der Großmutter. Danach schiebt sich eine Erinnerung der Großmutter dazwischen, und zum Schluss sind wir wieder bei Sandy.
Sie musste eingeschlafen sein. Als sie das Läuten an der Tür hörte, klang es langgezogen und ungeduldig. Sie rappelte sich auf. Durch die zugezogenen Vorhänge drang nur gedämpftes Licht, sie ahnte nicht, wie spät es war. Barfuß und zerzaust tappte sie zur Tür, möglicherweise hatte Bess nur ihren Schlüssel vergessen. Sie schloss auf, öffnete die Haustür.
„Überraschung!“
Anna stand vor ihr, ein Paket in der Hand.
Oh nein.
„Eigentlich wollte ich nur eine Karte schicken. Dann wollte ich anrufen, aber ans Handy ist keiner rangegangen oder es war aus oder so, und die andere Nummer hab ich nicht, und da dachte ich, ich schau einfach vorbei. Bist du sauer?“
„Aber nicht doch. Ich freu mich. Ich bin nur... ich hab’s nicht erwartet.“
„Alles Gute zum Geburtstag, Sandy.“
Anna umschlang Sandy mit einem Arm, drückte sie an sich, und Sandy spürte ihren weichen Busen an ihrer eigenen kleinen harten Brust. Sie merkte, wie ihre Ohren zu brennen begannen, und mit einem leisen Hüsteln löste sie sich aus der Umarmung.
„Komm doch rein.“
Und dann saßen sie im Wohnzimmer. Anna plapperte und stellte Fragen. Sandy antwortete mit ruhiger Stimme und war gerührt und wollte es nicht einmal sich selbst eingestehen.
„So ein toller Garten, richtig gigantisch, ich hab mir alles viel kleiner vorgestellt.“
„Ja, weißt du, mein Großvater...“
„Wo ist eigentlich deine Schwester? Bei der Arbeit? Und die Großmutter? Ich war so sicher, dass ich sie heute endlich kennen lernen werde!“
„Wenn du noch ein bisschen dableibst... Sie sind nur noch fort, etwas erledigen, sie kommen dann schon.“
„Etwas erledigen? An deinem Geburtstag? Komm schon, Sandy! Sie besorgen sicher eine tolle Überraschung für dich.“
„Nein. Es ist etwas anderes.“
Glatte Stirn, glatte Stirn, warum habe ich nur diesen Krampf in den Augenbrauen.
„Ach. Und haben sie auch gesagt, was es ist?“
„Das brauchen sie nicht. Ich weiß es.“
Glatte Stirn.
„Wenn du es mir nicht sagen willst, dann musst du das nicht...“
„Nein, nein. Schon gut. Du kannst es ruhig wissen. Sie sind auf dem Friedhof. Sie bringen Blumen auf das Familiengrab.“
„An deinem Geburtstag? Muss das denn sein?“
„Es ist der Todestag meiner Mutter, weißt du.“
Für Sekunden hörte Sandy nur das rasende Trommeln des Blutes in ihren Ohren.
„Und... und... du gehst da nicht hin?“
„Nein. Ich gehe nie hin. Nie.“
Nimm doch noch einen Keks. Tu irgendwas. Sitz nicht einfach so da.
Aber Anna suchte nur nach einem Versteck für ihre Augen und brachte kein Wort über die Lippen.
Die Blumen standen dicht an dicht im schmalen Geviert vor dem Grabstein, breiteten sich wie ein purpurner Teppich vor ihm aus. Bess prüfte noch einmal, ob die Erde auch fest genug angedrückt war und zog dann die Handschuhe aus. Die Großmutter stand mit einer Gießkanne dabei.
„Schön ist es geworden.“ Wie jedes Jahr.
Bess nickte abwesend, den Blick starr auf die Grabinschrift gerichtet. Doch auch diese schien sie nicht wahrzunehmen, es war, als sähe sie durch alles hindurch und in eine andere Wirklichkeit hinein, die sie entsetzte und lähmte.
„Bess!“
Die Großmutter berührte sanft ihren Ellbogen. Bess schreckte auf, drehte sich zu ihr wie von weiter Ferne. Wo warst du, Kind.
„So viele Jahre.“
„Ja. Ich kann es auch kaum glauben. Und ihr seid jetzt schon so groß.“
„Nie groß genug, Großmutter, nie groß genug.“
Dann standen sie still und sahen, wie die Blumen im nahenden Abend bebten.
Ludwig war gut zu mir. Er nahm mich ein bisschen wie ein Kind, schenkte mir Schokolade und ging seiner Wege. Ich blieb ihm gegenüber scheu und befangen, kaum wagte ich es, ihn anzureden. In den ersten Tagen hatte ich ihn noch „Herr Ludwig“ genannt, später gelang es mir, das „Herr“ nur noch still dazu zu denken. Wir waren einander fremd, und obwohl ich ihm in Dankbarkeit zugetan war, gelang es mir nicht, die Kühle zwischen uns zu überwinden. Mit der Zeit jedoch lernte ich die Freiheiten zu schätzen, die mir die Ehe brachte. Vormittags hielt ich die Wohnung blank, und an den Nachmittagen rollte ich Rudolf durch die sonnigen Straßen. Ludwig gab mir Geld für Kaffee und Kuchen, die ich anfangs noch ängstlich und wie etwas Verbotenes bestellte, und er schickte mich zu einem anderen Arzt, der mir zeigte, wie ich mit Rudolf turnen sollte. Ich lernte, seine Arme und Beine fachgerecht zu kneten, und der Arzt ermutigte mich. „Es ist noch nicht alles verloren“, sagte er und strich mir über die Wange.
Ich blühte auf, mein kleiner Busen wurde praller, und die Kleider, die mir Ludwig zu groß gekauft hatte, begannen zu passen.
„Du bist hübsch geworden“, sagte Ludwig, und er führte mich an der Hand ins Schlafzimmer.
„Ich werde versuchen, dir nicht weh zu tun“, flüsterte er dann, während er meinen Rock hochschob und die Hose herunterzog. Er berührte mich kaum, zog mich nicht aus, er beugte mich nur leicht nach vorne, ließ mich auf das Bett knien und streichelte mir beruhigend das Haar.
„Es ist bald vorbei“, und ich schloss die Augen. Als er wieder von mir abließ, musste ich mich waschen, und wenn ich zurückkam, lag Ludwig schon schlafend im Bett. So war es jedes Mal, und ich gewöhnte mich und litt nicht darunter. Als ich schwanger war, gab mir Ludwig einen Kuss auf die Stirn, den einzigen, und er berührte mich nie wieder.
Sie aßen Kastaniencremetorte, wie jedes Jahr. Lautlos drangen die Gabeln durch die weichen Kuchenschichten, in den feinen Teetässchen spiegelten sich die Kerzen, die Bess überall aufgestellt hatte, der silberne Schöpflöffel sank ein Stück tiefer in die Sahne. Sie hatten schon seit einer Weile zu sprechen aufgehört, und niemand wusste mehr, was das letzte Gesprächsthema gewesen war. Erst, als die Teller leer waren und alle verlegen an ihrem Tee nippten, rief Anna: „Jetzt musst du aber mein Geschenk aufmachen, Sandy.“
Sandy lächelte ein wenig gequält. Man sah ihr an, wie peinlich ihr alles war. Dann hielt sie einen kleinen Clown mit weißem Porzellangesicht und buntem Wuschelhaar in der Hand. Dazu hatte Anna ihr einen Roman von Stephen King geschenkt: IT.
„Weil du doch spannende Bücher so magst.“
Bess aber stand mit wächsernem Gesicht auf, murmelte eine Entschuldigung und ging hinaus.
„Was hat sie denn?“ fragte Anna verwundert.
Sandy schlug die Augen nieder.
„Sie hat sich als Kind immer vor Clowns gefürchtet, weißt du.“
„Da muss ja Fasching eine harte Zeit für euch gewesen sein.“
„Ja. Das war’s auch.“
Sandy legte Buch und Clownpuppe ins Papier zurück, damit Bess sie nicht sah, wenn sie zurückkam. Die Großmutter begann Anna Fragen zu stellen. Sie redeten über das Hotel und Zukunftspläne, und Bess und Sandy saßen mit glasigem Blick dabei.
Dann schlug Bess vor, einen Film anzusehen, und gleich waren alle einverstanden. An diesem Tag war es besser, alle Gespräche zu vermeiden.
Später blieb Anna dann doch noch über Nacht, Sandy stellte das Klappbett in ihrem Zimmer auf, und die Mädchen legten sich hin.
„Ist dein Geburtstag immer so?“ fragte Anna ins Dunkel und war froh, Sandys Gesicht nicht sehen zu können.
„Ja“, antwortete Sandy schlicht.
„Kein Happy Birthday? Keine Party?”
Da hörte sie, wie sich Sandy im Bett aufrichtete.
„Ich habe meine Mutter umgebracht, Anna. Was gibt es da zu feiern?“
Und es war still.
Edition Raetia, 2009